Rede zum Jubiläum in der Stiftskirche Heiliger Nikolaus am 24.10.2002 War das ein Traum? Die wechselvolle Geschichte des Schröderstifts, die Entwicklung der Mieterselbstverwaltung, unsere heutigen Strukturen, die ehrenamtliche Arbeit, die Planungen für die Zukunft,das alles ergibt eine unendliche Materialfülle, die ein dickes Buch und einen zusätzlichen Bildband füllen könnte. Ich möchte – anlässlich des heutigen Jubiläums - nur einige Aspekte herausgreifen, die insbesondere mit der Präsentation des Denkmals zu tun haben. Doch zunächst die Standortbestimmung: „Zwischen Grindelallee und Schulterblatt“ – das Schröderstift in begnadeter Lage. Im Spannungsfeld zwischen Rotherbaum und Schanzenviertel: die Lage des Schröderstifts ist einzigartig. Hier Rotherbaum: Dort das Schanzenviertel: Auch in die City kommt man im Nu: Für diese Lage könnte man Luxussteuer verlangen – das Finanzamt: gleich nebenan. Die Verkehrsanbindung wird nur vom Hauptbahnhof übertroffen: S-Bahn, zwei U-Bahnen, alle Busse – der Knotenpunkt Schlump direkt vor der Haustür. Es gibt nur einen großen Nachteil an dieser Art des zentralen Wohnens: Ehrenhof und SichtachsenDas hätte sich Johann Heinrich Schröder nicht träumen lassen, dass aus dem Sandweg entlang der Sternschanze, der Verbindung zwischen Durchschnitt und Schäferkamp, eines fernen Tages eine sechsspurige Stadtautobahn werden würde. Die Menschen, die hier heute wohnen, erwünschen sich zumindest eine optische Abtrennung vom nie enden wollenden Verkehrsgetümmel. Bei allem, was es so liebenswert macht, akustisch hat das Schröderstift die Lebensqualität einer Autobahnraststätte. Andererseits macht es gerade einen Teil seines Charmes aus, nämlich der Gegensatz zwischen dem modernen, nie abreißenden Verkehrsstrom vor der Hecke, und drinnen, dahinter, empfundene Ruhe, das historische Gemäuer, Blumen, Büsche und alter Baumbestand, Kinderwagen, Katzenkörbe und eine Kirche, ein sakraler Bau, dessen Stille wir gerade genießen. Das Problem des Sicht- und Lärmschutzes für die Menschen, die hier wohnen, steht im Gegensatz zu dem denkmalpflegerischen Ansatz, insbesondere den Ehrenhof der Anlage weitgehend grünfrei zu halten, um dem Außenstehenden die Wahrnehmung der Dreiflügelanlage zu ermöglichen. Das Schröderstift braucht einen Schutzwall in Form der undurchdringbaren Weißdornhecke, diese Trennungslinie, diese Abgrenzung, damit die Menschen hier leben können, und - um in seiner Einzigartigkeit zu wirken - braucht es andererseits die Weite, die Großzügigkeit der Raumgestaltung, eine Inanspruchnahme von Fläche, wie es heute innerstädtisch kaum mehr denkbar ist. Diese beiden sich widersprechenden Ansprüche erfordern den Kompromiss. Rom, Florenz und Konstantinopel: Wir wollen grüne Insel sein – nicht grüne Hölle! Besucher und Lateinkenntnisse. "Ich bin hier schon so oft vorbeigekommen und wollte immer mal gucken, was das eigentlich ist"! Besucher, die hauptsächlich am Wochenende das Gelände durchqueren, kommen an den Seitenflügeln entlang bis in die Mitte auf den Kirchenvorplatz, bleiben stehen, Radfahrer steigen ab, halten inne, verweilen, lesen die Inschrift auf der Marmortafel: "EMOLUMENTO PUBLICO – hic hospitium exstruxit J.H.Schröder - MDCCCLII". Mancher grübelt, Lateinkenntnisse werden bemüht. Es ist zwar nicht so schwer wie die Inschrift am Rathaus, die sich, wenn überhaupt, nur dem Großen Latinum erschließt, aber doch hapert es wie damals in der Schule an den fehlenden Vokabeln: "EMO-LU-MEN-TO?, hm, so Monument ?, irgendwas Bedeutendes?, PUBLICO öffentlich, hic hospitium exstruxit, dieses, hospitium Herberge, gastliches Haus, er hat erbaut, J.H.Schröder, MDCCC, 1000,1500, 1800, L = 50 , und der Doppelstrich, die Zwei : 1852." Emolumentum heißt Nutzen, Emolumento Publico, dem Öffentlichen Nutzen, oder auch schöner als Motto der Patriotischen Gesellschaft, Dem Wohl der Allgemeinheit. Dann wendet der Besucher der Kirche den Rücken zu und betrachtet das Stiftsgelände. Es ist nicht wie übliche Altenstifte - Das Schröderstift ist kein Hochglanz-Baudenkmal mit zweimal täglich mehrsprachiger Führung, es lockt nur den Interessierten, es ist alt, es hat Ruhe, ist einfach da, war schon immer da. Der Besucher findet sie schön, diese grüne Oase inmitten der Stadt, streift um das alte Gemäuer, braucht Zeit für die Orientierung, die Wege durch die Torbögen und geht schließlich positiv gestimmt von dannen. Das Schröderstift darf ein Denkmal bleiben, dem man seine wechselvolle Geschichte ansieht. Wir möchten die Symmetrie der Flügel wiederherstellen, wenngleich die Kriegsschäden in Details erkennbar bleiben dürfen. Wir wollen die Geschichte nicht leugnen, die Narben sichtbar lassen, denn das ist ein Stück Ehrlichkeit gegenüber unseren Eltern und Großeltern und Teil des Charmes, den diese Anlage ausstrahlt. Wir wollen weg von der „Anmutung des Kaputten“, hin zu einer schlichten „Anmutung des Erhaltenen“. Diese Betrachtungsweise eines Baudenkmals erlaubt den Blick zurück in eine vergangene Zeit, lässt aber für künftige Vorstellungen alle Möglichkeiten offen. Die Dächer und die Symmetrie. Die lange Jahre intern geführte Diskussion über die Art und Weise der Behebung der Kriegsschäden an den beiden Dächern auf dem östlichen Haupt- und Seitenflügel ist inzwischen abgeschlossen. Wiederherstellung in ihrer originalen, einfachen Form? Oder lieber der moderne Aufbau von Dachgeschossen in Glas und Stahl im Stil der aktuellen Investorenarchitektur oder - ebenso beliebt - in Lärchenholz mit Grün- bzw. Solardach ? Der Hauptgrund, sich gegen diese Ansätze zu entscheiden, war die dadurch zwingende Zerstörung der Symmetrie. Die Dreiflügelanlage ist eine in Hamburg recht spärlich anzutreffende Bauform. Teil Eins der Aufgabe haben wir bewerkstelligt: Der rechte Hauptflügel hier neben der Kirche ist bereits fertig. Aber noch immer zeigt das Schröderstift durch das fehlende Dach auf dem Seitenflügel – wie ein Gesicht mit Augenklappe – die Beschädigung vormals gleicher Glieder. Die Wiederherstellung dieses Daches wird zur Zeit angespart und 2004/2005 erfolgen. Nicht Traum, Realität !Wir leben in einer Zeit mit sehr unterschiedlichen Wohn- und Lebenswünschen, einer Pluralisierung der Lebensformen und –stile. Immer größer wird die Gruppe der Singles oder derer, die in nichtehelichen Lebensgemeinschaften leben. Für diese neuen Bedürfnisse bietet das nunmehr 150 Jahre alte Schröderstift mit seinen um die 35 Quadratmeter großen Wohneinheiten eine sehr moderne Möglichkeit des jungen innerstädtischen Wohnens. Hier, in einer Selbstverwaltung zu leben, bietet Freiräume, bietet Gestaltungsmöglichkeiten, ein dichteres soziales Netz, bietet mehr Hilfe bei Krisen, verstärkt Integrationsmöglichkeiten bedeutet aber auch mehr Nähe, die manchem zu viel werden kann. Institutionen dieser Größenordnung werden normalerweise von Vorständen oder Geschäftsführern professionell geführt. Neben unseren jährlich wechselnden Vorständen – Jeder soll mal drankommen und die Unerschöpflichkeit ständig neuer Problemstellungen kennen lernen - ist es hauptsächlich die Initiative Einzelner oder kleiner Gruppen, die diese Selbstverwaltung möglich machen. Menschen, die es als selbstverständlich erachten, für Andere da zu sein, sich zu engagieren, auch freudlose, stets wiederkehrende Tätigkeiten zum Wohl der Allgemeinheit auszuüben. Wir haben keine einfache Verpflichtung übernommen, nämlich einerseits Wiederherstellung und Erhalt der historischen Anlage - Ich denk mal, wir schaffen das. Wir haben ja 22 Jahre Erfahrung. Dann war es kein Traum: Dass sie sich zu mir herunterbeugte, mir das Schröderstift in die Hand gab und sagte: "Und dieses hier, das hier ist etwas ganz besonderes, das ist von eurem Großvater, passt gut darauf auf." Ich weiß noch, dass ich ihr antwortete: "Ist in Ordnung. Machen wir". Ich bedanke mich beim Stifter und seiner Familie, Ich bedanke mich bei Ihnen für Ihr Interesse. Wittfried Malik |